Ganz nah - die Gegenwart von Polizeigeschichte

 v. l.: Andreas Beier (Fakultät IV), Sven Müller (VelsPol BW), Heinz Weichenberger, Karl-Heinz Steinle (Universität Stuttgart), Helmut Kress, Caroline Wedler-Krebs (Fakultät I)Es sind die Lebenswelten homosexueller Männer in der Vergangenheit und die Rolle der Ermittlungsbehörden, die Karl-Heinz Steinle vom Historischen Institut der Universität Stuttgart durch Zeitzeugenbefragungen derzeit erforscht. Auf Einladung von Frau Wedler-Krebs (Fakultät I) in Kooperation mit VelsPol Baden-Württemberg berichtete Karl-Heinz Steinle am 16. Oktober 2017 an der HfPolBW von seiner Arbeit im Forschungsprojekt  „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ-Menschen im deutschen Südwesten in der Zeit des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland“.

Schon hier lauschten die rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörer gespannt den Ausführungen zur Entwicklung des § 175 StGB vom Beginn des Strafgesetzbuches über die Verschärfungen in der Zeit des Nationalsozialismus, geringfügigen Veränderungen in der jungen Bundesrepublik bis hin zur Abschaffung des Paragrafen im Jahr 1994. Steinle ermunterte auch zum Mitmachen beim Public History Projekt und stellte deren Webseiten vor ( http://www.lsbttiq-bw.de/ ).

Frau Wedler-Krebs bei der Begrüßung der Gäste und Podiumsteilnehmer/-innenHerr Steinle (Universität Stuttgart) bei seinem VortragDie Spannung stieg weiter, als Frau Wedler-Krebs die Teilnehmer/-innen der Podiumsdiskussion bat, Platz zu nehmen. Den beiden Zeitzeugen, Helmut Kress aus Tübingen und Heinz Weichenberger aus Freiburg, beide Anfang 70 und beide verurteilt nach § 175 StGB, gehörte dabei eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Geschickt führten Herr Beier (Fakultät IV) und Sven Müller, Polizeibeamter beim Polizeipräsidium Offenburg und stellvertretender Landesvorsitzender von VelsPol Baden-Württemberg, durch die Gespräche. "… abgeholt und abgeführt und zum Verhör gebracht bei der Kriminalpolizei. Ich wusste noch nicht einmal wieso, warum, weshalb.", mit diesem Zitat von Helmut Kress aus einem Zeitungsbericht führte Herr Beier Helmut Kress zurück ins Frühjahr 1961. Zu dem Zeitpunkt, als er 15-jährig in Handschellen vor den Augen vieler Kollegen an seinem Ausbildungsplatz abgeholt wurde. Man hatte in seinem Schreibtisch einen Brief an einen volljährigen Mann gefunden, mit dem Kress damals befreundet gewesen war. Im Detail konnte Kress die Zelle im Jugendgefängnis in Oberndorf am Neckar beschreiben, in der er 14 Tage inhaftiert war. Wenigstens durfte er am Tag auf den Flur und er musste mit anderen Insassen Tarnnetze für die Bundeswehr knüpfen. Als Toilette diente ihm in seiner Zelle ein Eimer mit einem Deckel.

Mit dem Zeitzeugen Heinz Weichenberger wagte Herr Müller den Blick in dessen Vergangenheit. Wie das gewesen sei, als die Kripo ihn im Dezember 1962 zu Hause abgeholt habe, wollte Sven Müller wissen? "Dort musste ich dann durch das ganze Programm. Fingerabdrücke, Fotos, erkennungsdienstliche Behandlung. Das weiß ich noch, als wär’s gestern gewesen." Eine Tortur sei es gewesen. „Mit wem? Wo? Wann?“, die Beamten wollten alles wissen, erzählte Herr Weichenberger. Er habe nichts als blanke Angst gehabt. Angst vor allem, dass alles öffentlich werden könnte. Unter dieser Angst, die von den Beamten durch Bemerkungen geschürt worden sei, habe er alles erzählt: Treffpunkte, Vorgehensweisen bei der Kontaktsuche, sexuelle Handlungen. Drei Wochenenden Jugendgefängnis lautete dann das Urteil des Gerichtes. Sein Leben habe aus Tarnungen und Leugnungen bestanden und er fühle sich um viele Jahre betrogen, in denen er nicht habe seine sexuellen Neigungen ausleben und sein Leben genießen können.

Herr Beier (rechts) im Gespräch mit dem Zeitzeugen Herrn Kress (Mitte)Ob sich beide nun rehabilitiert fühlten, wollten Beier und Müller von den Zeitzeugen wissen und griffen so das Thema der Veranstaltung direkt auf. Ein entsprechendes Gesetz, durch das nach Paragraf 175 StGB verurteilte Homosexuelle rehabilitiert werden und Anspruch auf Entschädigung haben, ist am 22. Juli dieses Jahres in Kraft getreten. Stolz zeigte Herr Weichenberger sein Schriftstück des Amtsgerichts Freiburg, das er zehn Tage zuvor erhalten hatte und in dem ihm bestätigt wurde, dass seine Verurteilung aufgehoben sei. Elementar sei das für ihn. Nun sei endgültig klar, dass er nichts Unrechtes getan habe und kein Straftäter sei. Dies sei für ihn befreiend. Ähnlich äußerte sich auch Herr Kress, wenngleich dieser betonte, dass er sich nicht zu verstecken versucht habe, all‘ die Jahre. Er habe weitestgehend sein Leben leben können. Den Antrag auf Rehabilitierung und Entschädigung habe er gerade erst abgeschickt. Dadurch wurde beim Studium generale allen deutlich, dass Polizeigeschichte gegenwärtig ist.

Herr Beier (rechts) im Gespräch mit dem Zeitzeugen Herrn Kress (Mitte)Auf die Frage eines jungen Studierenden, ob die beiden auch heute noch einen Groll gegen die Polizei empfinden würden, waren sich beide einig. Nein, es sei eine andere Zeit gewesen und Herr Weichenberger betonte deutlich, dass er froh ist, dass die Polizei heute eine andere Ausbildung habe und eine Veranstaltung wie dieses Studium generale offene Gespräche und Sensibilisierung  bezüglich der Vielfältigkeit der sexuellen Orientierung möglich mache. Herr Kress erklärte, dass auch im damals bestehenden Rechtsrahmen ein individuell unterschiedliches Handeln der Polizeibeamten ersichtlich war. So kamen die einen z.B. ohne Licht in die Parkanlagen gefahren, um Homosexuelle zu überraschen und zu erwischen, während andere mit normaler Fahrzeugbeleuchtung angefahren kamen, so dass man sich habe zurückziehen können. Er habe außerhalb des Verhörs nur umgängliche und vernünftige Beamte erlebt und fühle sich versöhnt.


  Gespräche nach dem Studium generaleKarl-Heinz Steinle, der in die Gesprächsrunde auch eingebunden war, konnte immer wieder die wissenschaftliche Klammer um die Aussagen legen, was die Gespräche abrundete. Fragen aus dem Auditorium machten das große Interesse des altersgemischten Publikums bestehend aus Frauen und Männern deutlich.
Caroline Wedler-Krebs, die eingangs den Abend in das bisherige Engagement der HfPolBW im Bereich der Polizeigeschichte eingeordnet und insbesondere auch das Interesse der Studierenden an Public und Oral History - an den neuen Methoden der Geschichtsvermittlung - dargestellt hatte, bedankte sich bei Sven Müller für die gute Kooperation mit VelsPol, dem Mitarbeiternetzwerk für LSBT-Beschäftigte in der Polizei und Justiz in Baden-Württemberg, die das Studium generale erst möglich gemacht hatte. Nach Veranstaltungsende ging der Austausch in zahlreichen kleinen Gesprächsrunden weiter.
 

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