Gleichstellung bei der Polizei BW – „noch mal 45 Jahre darf es nicht mehr dauern!“

Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung unter der Leitung von Polizeioberrätin Caroline Wedler-KrebsBundesweit beachtete Ausstellung „Von der Polizeiassistentin zur Führungskraft. – Eine Ausstellung zur Geschichte der Feminisierung der Polizei.“ macht Station an der Hochschule für Polizei BW am Campus Villingen-Schwenningen

Die erste Polizistin wurde 1903 in Stuttgart in den Staatsdienst eingestellt. 111 Jahre später wurde im Rahmen einer Fachtagung an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen Bilanz gezogen. Umrahmt von der bundesweit einmaligen niedersächsischen Ausstellung „Von der Polizeiassistentin zur Führungskraft. – Eine Ausstellung zur Geschichte der Feminisierung der Polizei.“ diskutierte ein fachkundiges Podium aus Politik, Innenministerium, der Polizei Niedersachsen und Frauen der Polizei Baden-Württemberg über Gleichstellung von Frauen in der Polizei, die Akzeptanz von Teilzeitarbeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Frage, ob die Polizei für junge Frauen und Männer als Beruf attraktiv ist.
Problemfelder wurden vom Podium sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung unter der Leitung von Polizeioberrätin Caroline Wedler-Krebs schnell erkannt:
•    Frauen sind in Führungsfunktionen (zum Teil deutlich) unterrepräsentiert.
•    Teilzeitkräfte (und in vielen Besoldungsstufen auch vollzeitbeschäftigte Frauen) werden schlechter bewertet.
•    Männer in Teilzeit finden in der Polizei wenig Akzeptanz.
•    Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie (zunehmend auch Pflege) sind noch nicht flächendeckend vorhanden.
Seit 3 Jahren, so Landespolizeipräsident Gerhard Klotter, pendele sich der Frauenanteil bei den Neueinstellungen – nach einem Höchststand im Jahr 2008 von 40 Prozent – bei ca. 30 Prozent ein. Ob dieser Rückgang auf die erkannten Problemfelder zurückzuführen ist, müsse erst eine Analyse ergeben.
Dr. Dirk Götting, Kurator der begleitenden Ausstellung, stellte in seinem Impulsreferat die Geschichte der Frauen in der Polizei sehr kurzweilig und spannend dar. „Wir dürfen nicht glauben, dass der Polizeiberuf per se attraktiv ist“, so Götting. Es gelte, ansprechende, konkurrenzfähige Rahmenbedingungen zu schaffen. Petra Häffner, erste polizeipolitische Sprecherin in der Geschichte Baden-Württembergs und Mitglied des Landtages für die Fraktion GRÜNE, unterstrich, dass der Impuls zur Öffnung der Polizei für Frauen von Stuttgart ausgegangen sei. Henriette Arendt, der Wegbereiterin gebühre großer Respekt. „In Baden-Württemberg müssen Polizistinnen in allen Belangen ihren männlichen Kollegen gleichgestellt sein“, so Häffner. Die Zeit dafür sei reif und sie setze sich dafür ein.
Gisela Teufel, ehemalige Beamtin der sogenannten Weiblichen Kriminalpolizei in den 1970iger Jahren, machte Geschichte lebendig und schilderte sehr eindrücklich ihr Erleben in dieser Zeit. Frauen fanden nur in der Kriminalpolizei und dort auch nur im Umgang mit Frauen und Kindern Verwendung. Es habe sich in den 45 Dienstjahren, auf die sie zurückblicke, einiges getan. Entscheidende Schritte hin zu einer umfänglichen Gleichstellung, auch hin zur Akzeptanz von Männern in Teilzeit oder Führungsfunktionen in Teilzeit dürften aber nicht noch einmal 45 Jahre dauern. Aus dem Plenum erhielt sie viel Applaus für ihre Darstellung. Unterstützt wurde Teufel von Kriminalrätin Sibylle Vater, einer Vertreterin der jüngeren Generation in der Polizei. In ihrer Masterarbeit „Teilzeit in Führungsfunktionen – Innovation oder Illusion“, verglich sie die Rahmenbedingungen der Polizei Baden-Württemberg und Niedersachsen. Auf dem Podium entwickelte Vater sehr konkrete Vorstellungen zu Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Die Polizei Niedersachsen habe das Thema Chancengerechtigkeit seit einigen Jahren konkret im Blick und schon viele wichtige Schritte unternommen. „Wir werden das Audit Beruf und Familie in ein oder zwei Präsidien durchführen“, so Landespolizeipräsident Klotter.
Zur Schlechterbewertung von Teilzeitkräften (überwiegend Frauen) und vollzeitbeschäftigten Frauen stellte Klotter dar, dass die Wahrnehmung der meist männlichen Beurteiler noch vom Bild des ständig verfügbaren Polizeibeamten als gutem Beamten geprägt sei. Hier gelte es, die Beurteiler zu sensibilisieren. So müsse endlich erreicht werden, dass Teilzeitkräfte und Frauen nicht durch schlechtere Beurteilungen benachteiligt werden, so Klotter. Schließlich weisen die Abschlüsse an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen seit Erfassung der Daten aus, dass die Frauen die Nase immer ein Stück weit vorne haben.
Die Tagung, die mit Workshops für Frauen in Führungsfunktionen des gehobenen Dienstes begonnen hatte, schloss mit einem Netzwerkabend für die Teilnehmerinnen. Hatte doch schon die Geschichte der Frauen in der Polizei gezeigt, dass stabile Netzwerke für die Stärkung der Position der Frauen auf dem Weg hin zu Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern ein wichtiger, unabdingbarer Faktor sind.
Die niedersächsische Ausstellung ist noch bis Mitte Juli an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen zu besichtigen. Dr. Dirk Götting wird die Ausstellung mit einem Vortrag über Henriette Arendt, der ersten Polizeiassistentin in Stuttgart am 16. Juli 2014 beenden. Die Hochschule freut sich auf einen interessanten und eindrucksvollen Vortrag im Rahmen des studium generale.

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